Man lernt nie aus!

Tag 11

Den Tag verbringen wir im Sapporo Education Center, das wir letzte Woche schon kennengelernt haben im Bereich der Beratung für Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf. Heute liegt der Schwerpunkt auf dem Thema Lehrerfortbildung, das mich natürlich besonders interessiert, da ich ja mit der Hälfte meiner Arbeitszeit am Pädagogischen Institut arbeite, dem Fortbildungsinstitut für die städtischen Lehr- und Erziehungskräfte. Lehrerfortbildung ist in Japan in vielen Punkten anders organisiert, als ich es in Deutschland kenne. Lehrkräfte haben verpflichtende Seminare zu Beginn ihrer Berufstätigkeit (etwas Vergleichbares haben wir in München mit den sogenannten Neueinsteigerseminaren) und nach zehn Jahren Berufserfahrung. Da im Moment sehr viele erfahrene Lehrkräfte, die die Berufseinsteiger in einer Art Mentorensystem unterstützen, in Rente gehen, versucht man diese Lücke zu schließen, indem man auch für das zweite Berufsjahr eine ähnliche Veranstaltung konzipiert hat. Zusätzlich zu diesen Angeboten, deren Durchführung vom Bildungsministerium vorgegeben ist,  führt die Stadt Sapporo als eine Art freiwillige Leistung auch nach fünf und nach fünfzehn Jahren ein Training durch. Neben den obligatorischen fächerbezogenen Seminaren können auch Veranstaltungen nach persönlicher Interessenslage ausgewählt werden. Allen Fortbildungen gemeinsam ist, dass sie in den Winter- und Sommerferien oder am Wochenende stattfinden, also nicht während der Schul- und Unterrichtszeit. Eine Ausnahme bilden die Veranstaltungen für die Schulleitungen, diese finden während des Schuljahres statt, da Schulleitungen keine Unterrichtsverpflichtung mehr haben.

Was mich schon an den Schulen sehr beeindruckt hat, stelle ich auch hier wieder fest: Die Einrichtungen sind raum- und ausstattungstechnisch sehr gut aufgestellt und für alle Schulgebäude gelten die gleichen hohen Standards. Auf eine Besonderheit dieses Hauses komme ich nachher noch zu sprechen. Jetzt ist erstmal Mittagspause und Herr Tanaka, der uns durch den Tag begleitet, zeigt uns sein Lieblingslokal gleich gegenüber: Die Sportgaststätte des Trainingsgeländes des FußballvereinsConsadole Sapporo„, in der man sehr gut isst und im Sommer nebenbei das Training auf dem Platz live mit verfolgen kann. Consadole ist die einzige Fußballmannschaft Hokkaidos, die in der japanischen Liga spielt. Da ich Mitglied einer fußballinteressierten Familie bin, gefällt mir diese Location natürlich besonders gut :-) Bevor das Nachmittagsprogramm startet, zeigt uns Tanaka-san eine weitere Attraktion nebenan: Eine Schokoladenfabrik, die man auch besichtigen kann und die wohl vor allem für chinesische Touristen ein beliebtes Ausflugsziel ist.

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Während unseres Besuchs findet der letzte Tag eines dreitägigen Seminars für Englischlehrer statt. Der japanische Premierminister Shinzo Abe hat ein Programm ins Leben gerufen, das vorsieht, dass alle Englischlehrkräfte dieses Trainingsprogramm durchlaufen, um das Niveau des Englischunterrichts zu heben und dadurch den Jugendlichen vor allem die Scheu zu nehmen, die Sprache auch praktisch anzuwenden. Die Auswirkungen dieser Zurückhaltung bekomme ich jeden Tag zu spüren. Obwohl alle Japanerinnen und Japaner ab der siebten Klasse Englisch lernen, spricht so gut wie niemand mit mir Englisch, auch nicht nur die einfachsten Redewendungen. Die Angst davor, Fehler zu machen, ist größer als die Aussicht auf ein direktes Gespräch ohne Übersetzung…

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Das Sapporo Education Center ist ein multifunktionales Haus, das zum einen die Abteilung Lehrerfortbildung beheimatet und zum anderen der Nachbarschaft mit zahlreichen Angeboten zur Verfügung steht. Das Beste daran ist, dass die superausgestatteten Räumlichkeiten wie Küche, Werkstätten und Übungsräume außerhalb der Fortbildungszeiten der Bevölkerung zur Verfügung stehen. Es finden verschiedenste Kurse – vergleichbar unserem Angebot der Volkshochschule – statt, zudem haben auch ehrenamtlich Engagierte die Möglichkeit, Workshops anzubieten, die sich reger Nachfrage erfreuen. Den i-Punkt setzt die öffentliche Bibliothek im Erdgeschoss, das zudem direkt von der U-Bahn aus zugänglich ist. Gerne würde ich mich in einem der gemütlichen Sessel niederlassen, doch ich habe gleich noch einen aktiven Part. Ich darf etwa zwanzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der Schulbehörde, von denen ich einige bereits in den letzten Tagen kennen gelernt habe, in einer Präsentation das Referat für Bildung und Sport und das Pädagogische Institut vorstellen – in englischer Sprache und mit Claire aus Portland als meiner Übersetzerin ins Japanische. Das ist interkultureller Austausch pur und für mich eine sehr wertvolle Erfahrung! Im anschließenden Gespräch wird mir ein weiteres Mal deutlich, wie wichtig der Austausch gerade dann ist, wenn Systeme so unterschiedlich sind.

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Auf dem Heimweg mache ich noch einen Abstecher zu den Eisskulpturen im Odoripark. Morgen ist die Eröffnung des 67. Sapporo Snow Festivals, die Baustellen sind abgebaut und bereits seit ein paar Tagen schon sind viele Touristen, vor allem aus den asiatischen Ländern, in Sapporo angekommen. Das ist auch der Grund, warum ich morgen nach Chitose umziehen werde. Daher heißt es jetzt noch Koffer packen…

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