Bildung vor Ort

Tag 10

Alles, was ich in den letzten Tagen in den „Erklärungen“ über die Schulbehörde und ihre Aufgabenbereiche gehört habe, kann ich nun auf die Praxis übertragen. Gut gerüstet durch die Informationen am Morgen zu den Tätigkeitsbereichen der Abteilung Schulgebäude, besichtigen wir heute drei Schulen. Habe ich beim Organigramm der Schulbehörde einige thematische Gemeinsamkeiten entdeckt, so wird bei den Schulbesuchen doch der ein oder andere Unterschied deutlich. Dem Bevölkerungsrückgang ist es geschuldet, dass im Shiseikan-Bildungszentrum, das 2004 eröffnet wurde, vier Grundschulen zusammengefasst wurden. Doch nicht nur das. Auf sechs Stockwerken finden neben den Grundschulklassen auch noch verschiedene Formen der Kindertagesbetreuung Platz für Krippen-, Kindergarten- und Hortkinder und – das hat mich besonders beeindruckt – eine Einrichtung für Eltern mit Kindern im Babyalter, die ohne Anmeldung von Montag bis Sonntag in das Shiseikan kommen können, um sich dort zu treffen, mit den Kindern zu spielen und verschiedene pädagogische Unterstützungsangebote zu nutzen. Von null bis zwölf Jahren – alles unter einem Dach! Und es kann durchaus sein, dass ein Kind tatsächlich zwölf Jahre lang das Shiseikan besucht…

Alle Schulgebäude, die wir heute besucht haben, waren neue bis sehr neue Schulbauten. Moderne Architektur und ökologisches Bewusstsein gehen dabei eine stimmige Verbindung ein. Beeindruckend waren die Großzügigkeit und die helle Freundlichkeit der Räume, aber auch die Organisation der Klassen in ihnen. Alle Klassenzimmer eines Jahrganges liegen entlang eines Ganges nebeneinander und sind zu diesem hin offen und nur teilweise durch Schiebetüren zu schließen. In jeder Klasse lernen 35 bis 40 Kinder auf recht engem Raum, Frontalunterricht ist die gängige Unterrichtsform. In jeder Unterrichtsstunde wird auf Grund der räumlichen Gegebenheiten das gleiche Fach und der gleiche Stoff unterrichtet, ebenso werden Prüfungen parallel vorbereitet und dann auch geschrieben.

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An der Keimei-Mittelschule führt uns die sehr engagierte Stellvertretung der Schulleitung durchs Haus und wir bekommen auch hier einen informativen Einblick in das japanische Schulsystem. Ab der Mittelschule tragen die Schülerinnen und Schüler Schuluniform. Der Druck wird höher, da nach der dritten Klasse (bei uns die neunte Klasse) die Tests für das College anstehen. Alle Prüfungen während des Schuljahres werden in den Klassen parallel vorbereitet und dann auch zeitgleich geschrieben.

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Auch diese Schule ist super ausgestattet für alle Unterrichtsfächer, wir werfen auch noch einen Blick in den Küchenbereich. Wie auch im Shikeisan und allen anderen Schulen wird für alle Kinder und Jugendlichen frisch gekocht. Gegessen wird in der Regel im Klassenzimmer. Einen Pflichtstopp legen wir natürlich auch beim Porträt Beethovens ein, einer Arbeit aus dem Werkunterricht, zusammengesetzt aus tausendenden eingefärbter Zahnstocher, toll!

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Abends habe ich noch ein Date: Ich treffe mich mit Herrn Toshiyuki Niwa, dem Kollegen aus Sapporo, der 2013 im Rahmen des Mitarbeiteraustausches acht Wochen in München war. Ich freue mich sehr, ihn kennen zu lernen. Vielleicht haben Sie ja damals von seinem Besuch im Internet gelesen? Herr Niwa spricht die deutsche Sprache ausgezeichnet! Honto ni? Wirklich? Hei! Ja! Schade nur, dass er es in seinem beruflichen Kontext überhaupt nicht nutzen kann… Aber heute Abend unterhalten wir uns angeregt auf Deutsch – eine willkommene Gelegenheit für uns beide :-)

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Heute nochmals Theorie…

Tag 8

Heute durchlaufe ich ein Mammut-Programm nochmals in der Schulbehörde. Zu vielen Themen, zu denen ich eine „Erklärung“ bekomme, entwickeln sich angeregte Gespräche, soweit das mit meinen Englischkenntnissen möglich ist. Da Ulli-san heute selbst bei einem Schulbesuch ist, begleitet mich Frau Sugawara und überträgt für mich ins Englische. Unter anderem bekomme ich Informationen zum Aufbau des japanischen Schulsystems, der Kollege hat sogar ein Organigramm des Bayerischen Schulsystems in japanischer Sprache dabei, das er im Rahmen eines Besuchs beim ISB in München vor zwei Jahren bekommen hat. Das hat den Austausch natürlich sehr erleichtert! Doch leider – wie er bedauert – war er in der Woche nach dem Oktoberfest da. Von seinem Besuch hatte er zu unserem Treffen einen Stadtplan von München mitgebracht und: Eine Speisekarte aus dem Hofbräuhaus!

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Die Mittagspause verbringe ich – bei strahlendem Sonnenschein und nach einem kleinen Lunch – im Odoripark, denn sowohl das Rathaus und die Schulbehörde liegen in unmittelbarer Nähe. Einen Abstecher mache ich noch zum Clock Tower, einem Gebäude, das 1878 als Exerzierhalle des Sapporo Agricultural College erbaut wurde, der ersten Hochschule in Japan.

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Am Nachmittag bekomme ich noch viel Input zur Lehrplanentwicklung, zur Situation von Schülerinnen und Schülern mit „special needs“, also besonderem pädagogischen Unterstützungsbedarf,  zu Programmen im Bereich Schülermobbing und zu den drei Schwerpunktthemen, denen sich Sapporo verpflichtet hat: Der Winter als lebensbegleitendes pädagogisches Thema, die Erziehung zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt und die Hinführung der Kinder und Jugendlichen und ihrer Familien zum Lesen. Die Schulbehörde hat für alle drei Bereiche Logos entwickelt, die in Broschüren, in Schulbüchern und vor Ort in den Schulen sehr präsent sind, um so das Bewusstsein für diese Themen wach zu halten, eine schöne Idee. Alles, was ich heute erfahren habe, nehme ich sehr interessiert mit zurück nach München an meinen Arbeitsplatz, der Vergleich der verschiedenen Systeme ist in meinen Augen sehr wertvoll. Anders als in München, wo der rasante Bevölkerungszuwachs eine große Herausforderung nicht nur im Bildungsbereich darstellt, haben Sapporo und Japan insgesamt mit einem starken Bevölkerungsrückgang zu kämpfen, der bereits zu Schulschließungen in der Präfektur Hokkaido geführt hat und auch Auswirkungen auf das Bildungssystem und das gesamtgesellschaftliche Leben haben wird.

Für mich ist jetzt Feierabend, ich verarbeite das Gehörte und freue mich auf morgen. Es erwartet mich nämlich ein praktisches Training zu einem der drei oben schon genannten pädagogischen Schwerpunktthemen der Schulbehörde: „Yupporo“ (eine Zusammensetzung aus Yuki, japanisch für Schnee, und Sapporo) bedeutet für mich morgen Langlauf in der herrlichen Winterlandschaft – ich werde berichten!